21. Mai 2008 | Leipziger Volkszeitung |

Blätter zu Blaise Pascal von Johannes Heisig

Von Meinhard Michael

Welch eine Hybris! Welch eine Eitelkeit! Aber die ist nun einmal so tief im menschlichen Herzen verwurzelt – wie sollte Johannes Heisig eine Ausnahme machen? In der Galerie Könitz stellt der heute in Berlin lebende, 1953 in Leipzig geborene Künstler seine Erfindungen zu Texten von Blais Pascal aus.

Aber wie soll das gehen? Kleine Blätter, Mischtechnik, chaotische Tumulte und ein paar Figuren für den Kosmos Pascal (1623-1666)? Einfache, stumme Bilder, um die Welt zu erreichen eines Genies schlechthin, eines Genies der Sprache, der Mathematik, der Astronomie, der Philosophie und Psychologie? Eines Genies des unendlich Mikroben und des unendlichen Alls, der feinsten psychotischen Regungen und des gattungsgesetzlich schlicht Unfassbaren?

Für einen quasi modern geschlichteten Pascal-Reader im Verlag Faber und Faber hat Johannes Heisig es gewagt. Der erste Eindruck im kleinen Souterrainsaal der Galerie ist  der heftiger Variation. Farblich und  formal wechselt der Künstler rigoros. Mittelsymmetrie gegen Leere, bedrängende Gesten neben saugenden Tiefen, unmögliche Statik, Kippendes, Fliegendes und Fliehendes. Doch es gibt einen Tenor, vielleicht nur eine Tonfarbe, die vieles zusammenhält. Das ist ein Rausch, das ist Chaos, in das jemand geworfen ist.

Nimmt man das Buch der „Gedanken“, der „Pensèes“ von Faber und Faber (gemeinsam mit der Edition Chrismon) zur Hand fällt auf, dass bereits die Schmuckkassette diesen Ton anschlägt. Der Name des Autors und der Titel in Französisch und Deutsch kreuzen sich diagonal. Typographisch gestaltet von Frank Eilenberger, werden Titel-Lettern in der Wiederholung kleiner, so hallen die Pensèes gleichsam im Raum nach.  Darunter bedeckt zwei Drittel des Hochformates ein Detail einer Zeichnung von Heisig. Der Blick gewahrt eine stumpfe Figur, wie ein von Flammen umfangener Felsen, der über einer ewig weiten blauen Fläche aufragt. Pascal-Lesern wird sogleich auffallen, dass damit ein Grundakkord von dessen Denken erklingt: die ungeheure Wahrheit, dass wir allein sind in einer ungeheuren Welt, die nicht wir sind.

Pascals Rettung hieß Gott, den er jedoch so durch deklinierte, dekonstruierte, dass an ihm zu verzweifeln ist – wenn man nicht sich bewusst wird, dass man  doch gerade das Gegenteil hätte wollen sollen: glauben. Diese Kritik der Ratio durch die bezweckende Moral und umgekehrt, die Klarheit darüber, dass dies ein zweckmäßiger Betrug sei, vielleicht ist das der Pascalsche Kreisel.

In diesen stürzt Johannes Heisig. Oft benutzt er das christliche Kreuz als Symbol und Form. Der Fetisch des Kruzifix' über bewusstlos gieriger Sehnsucht, ein Sitzender am Fensterkreuz vor der Nacht mit den Sternen am Himmel. Der Maler stellt seinen Darsteller ans Totenbett. Menschen hängen als Zeiger an der gnadenlosen Uhr. Das für Pascal klassische Motiv des Seiltänzers bringt Heisig ebenfalls. Er baut zwar auch reflexive Momente ein, zeigt sich am leeren Bild, sich lesend. Doch diese wenigen, dann historisierenden und rationalisierenden Motive unterbrechen das Gefühl des gefährlichen Verrauschens kaum. In der Ausstellung scheinen sie noch rarer als im Buch. Der Geist hockt auf labiler Leiter, er balanciert nur, und Heisigs Figur weiß es sogar.

Der Bildkünstler Johannes Heisig muss verzichten auf einen Pascal, der praktisch unerhört aktiv war, der grandiose Pamphlete gegen seine Feinde schrieb, der mit Descartes und anderen um mathematische und physikalische Erfindungen stritt, der mit seinem Pariser Kutschensystem quasi den Nahverkehr erfand. Insofern zeigen Heisigs Blätter nicht die Pensèes selbst, nicht den Denker dieser Gedanken, denn der riss ja gerade nicht ab vom Erdboden, obwohl er seinen Kopf hoch in den Himmel steckte. Der hielt diese unerhörte Spannung, die ihm sein so unerklärlich klarer Kopf machte, als lebenslange Krankheit aus.

Aber das ist das alte Lied, das Opfer, das man bringen muss, wenn man sich als Künstler einer so radikalen Geistigkeit widmet, und der eigentliche Gewinn, den man daraus ziehen kann. Heisig zeigt nicht zuletzt sich als Lesenden, als Geworfenen; in seinem Spiegel scheint gewissermaßen das Denken, das dessen Anker nicht mehr hat. Heisig illustriert die These, dass alles Denken, wenn es nur konsequent immer weiter geführt werde, entweder in Glauben ende oder in Wahnsinn. Damit beeindrucken diese Blätter sehr.