Grundsätzlich handelt es sich um Übermalungen einer verworfenen Lithografie von 2004. Acryl- und Gouachefarbe kamen ebenso zum Einsatz wie weiße Tusche, Kreide in schwarz und weiß und Pittkreide.

Vor dem Hintergrund der sich radikalisierenden deutschnationalen Diktion in der Anonymität der so genannten sozialen Netzwerke und ihrer Entsprechung in den Pegida-Aufläufen vornehmlich in Dresden suchte ich nach einer deutlicheren Bildsprache als sie die ursprüngliche Grafik bot. Wie stets bei solchen Gelegenheiten musste ich sehr schnell einsehen, daß alle Symbolik in’fs Peinliche zu führen droht.

Direktes Agitieren mit bildnerischen Mitteln ist mir nicht gegeben. Ich glaube, daß generell aller Ausdruck immer der Formerfindung untergeordnet ist und daß nur in dieser Art des Erfindens eine überzeugende emotionale Kraft entstehen kann. Viel eher als eine grimmige Mimik der handelnden Figuren etwa ist ein bestimmtes Verhältnis von Groß und Klein oder Detail und Fläche oder Hell und Dunkel oder Scharf und Weich fähig, Spannung zu erzeugen. Hinzu kommt, daß im besten Falle eine solche Spannung dann a priori dem Bild eingeschrieben und nicht an eine bestimmte Art der (politischen oder sozialen) Argumentation gebunden ist. Zu der nämlich kann ein Betrachter immer eine intellektuelle Distanz finden. Den kompositorischen Mitteln dagegen kann er sich weniger entziehen, da hier Kodierungen wirken, die größtenteils im Unbewussten konfiguriert worden sind.

Für meine konkrete Arbeit mit der Folge FACKELZUG (und nicht nur dort) bedeutet das, daß ich mich selbst überlisten muss. Beim unmittelbaren Vorgang des Zeichnens bzw. Malens muss ein angepeiltes Ziel möglichst gänzlich aus dem Bewusstsein ausgeschaltet und darf höchstens noch in Form einer abstrakten Stimmungslage anwesend sein. Entstehende Formulierungen werden in status nascendi sozusagen korrigierend gesteuert. Dabei ist ein hohes Risiko des Scheiterns zu akzeptieren. Ich versuche das über die Folge, den Plural, aufzufangen. Es ist einer der Gründe, weshalb derartige Serien bei mir entstehen. Beim FACKELZUG finden sich leicht lesbare Blätter neben solchen fast unentzifferbarer Abstraktion. Der „Organismus“g letzterer wird beinahe nur über den Duktus zusammengehalten, während erstere ihr Dasein durchaus auch über literarisierende Elemente begründen. Das über die verschiedenen formalen Blickwinkel der Blätter entstehende Sowohl-als-auch ist als Ausdruck fragiler Balance hier wie überall sonst in meiner Arbeit unbedingt gewünscht.

 

Johannes Heisig                   Teetz, 16. Dezember 2015