„Es ging mir immer um die Potenz des Hauses“

Redaktionsgespräch Hans-Peter Lühr mit Johannes Heisig

HPL:Du warst Rektor der HfBK in aufregender Zeit, zwischen 1988 und 1990, und über diese Jahre wollen wir miteinander sprechen. Meine erste Frage: Wie würdest Du die späte DDR-Zeit für die Kunst, für die Malerei beschreiben und speziell die Situation in Dresden?

JH: Wenn das heute beschrieben wird, dann immer so, als hätte es einen Status quo gegeben. Aber ich erlebte das ganz anders; die Situation in Dresden und im ganzen Land änderte sich spätestens ab 1985 dauernd, und dann über die Wendejahre hinweg stellte sie sich geradezu auf den Kopf. Man war mit so viel fließenden Prozessen beschäftigt, dass es  - ganz abgesehen von der eigenen biografischen, individuelle Thematik -  schwer fällt, heute
irgendwie zu sagen, die Situation war so und so. Meine Erinnerung ist vor allem, dass wir halbwegs versucht haben, Schritt zu halten mit den Dingen, die passierten. Das zu analysieren und entsprechend agieren zu können, darin lag genug Anspruch. Der Prozess der Wandlungen des Landes war nicht nur an die Wende 1989 geknüpft, sondern begann schon Mitte der 80er Jahre sich richtig zu beschleunigen.

 

HPL: Und die Situation der Bildenden Kunst, die Galerieszene, die Hochschule - wie hast Du das in Erinnerung?

JH:    Ich hab das immer als Ausdruck des sozialen Rahmens gesehen und der politischen Umwälzung. Es machte ja die Kunst in dieser DDR aus – und das ist auch heute noch ein Teil ihres Faszinosums – dass sie ein gesellschaftlicher Diskurs mit anderen Mitteln war. Damals war alles sehr eng verquickt. Jede Geste war politisiert. Wenn ich an die Situation der späten 70er Jahre denke, die Situation um Penck in der Dresdner Neustadt, die so genannte Dresdner Bohème - das war für mich, der ich aus Leipzig kam, extrem spannend. Und als ich dann Mitte der 80er Jahre die ersten Studenten hatte, bin ich immer in die Neustadt gegangen, um zu gucken, was die da so machen und habe dort das größte Erstaunen ausgelöst, weil dieser Rubikon normalerweise nicht überschritten wurde. Ich gehörte ja zum anderen Lager. 

 

HPL: Du warst ab wann Dozent an der Hochschule?

JH:    Ich bin 1980 als Assistent von Gerhard Kettner an die HfBK gekommen und hab dann ab 1983 mit Hubertus Giebe zusammen das Grundstudium übernommen. Schon das war – darüber kann man viel reden – auf Grund einer Krisensituation. 1985 oder 86 bekam ich eine Dozentur und die erste eigene Klasse. 

 

HPL:  Dadurch kanntest Du, bevor das Rektorat überhaupt diskutabel wurde, die Dresdner Kunstverhältnisse komplett von innen, den intensiven Kontakt der Künstlerszene mit den Theaterleuten und den Dichtern.

JH:    Genau. Aber nicht nur das; alles entschied sich an der Auseinandersetzung mit Politikern und Funktionären. Es gab da von beiden Seiten historische Traumata und viele Aversionen. Aber mit einer Figur wie Berghofer erschien in den späten 80er Jahren ein neuer Ton, auch in der Diskussion um die Hochschule. Parallel dazu drängten die Studenten der Hochschule in die Öffentlichkeit, in eine Position, in der sie sich politisch äußern konnten. 1987 gab es erstmals den Frühlingssalon. 

 

HPL: Eine Taube, die noch keinen Sommer macht, aber neue Freiräume signalisiert…?

 JH:   Den Anfang machte dieser Frühlingssalon, der von den Studenten regelrecht erfochten wurde gegen die Hochschulleitung. Die war damals allerdings unter Ingo Sandner klug genug, die Wünsche zu verstehen und dafür Raum zu geben. Die Studenten wollten andere Kunstsprachen erfahren, wollten zeigen, dass sie anders unterwegs sind, nicht nur in den klassischen Disziplinen. Sie wollten einen offeneren Kunstbegriff, das war der Ausgangspunkt. Kennzeichnend für die Situation in den nächsten zwei Jahren war dann das Drängen in mehr politische Öffentlichkeit. Ich habe das sehr unterstützt, und als ich dann Anfang 89 Rektor wurde, hatte ich den Frühlingssalon mit der Forderung auf dem Tisch, in den öffentlichen Raum von Dresden zu gehen. 

 

HPL:  Das war dann die Brühlsche Terrasse?

JH:    Nicht nur, aber rund um die Brühlsche Terrasse waren die Aktionen am lautstärksten, am spektakulärsten. Die Studenten - und nicht nur die - haben sich als Künstler empfunden, die etwas zur politischen Situation in der DDR sagen wollten. Viele von denen sind dann bei diesen Demonstrationen um das „Silicon Valley“ in Gittersee dabei gewesen, und den ersten
Demonstrationen im Spätsommer 89. Da gab es dann auch Verhaftungen.

 

HPL:  Gehen wir noch mal auf den Punkt zurück als Du Rektor wurdest. Das war ja in vielfachem Sinne etwas ungewöhnlich. Du warst damals 35, also vergleichsweise jung und Vertreter einer neuen Generation. Du warst aber auch festgelegt durch Deinen Vater, den berühmten Maler Bernhard Heisig. Und das Land war nervös. War Dir klar, in welcher schwierigen Situation Du dieses Rektorat übernommen hast?

JH:     Ich glaubte damals, dass es mir klar sei. Das war ein Stück Illusion, denn niemand konnte die Situation überblicken. Auch nicht die Offiziellen und die Parteileitung in Dresden. Auch nicht die Staatssicherheit - das weiß ich von den Gesprächen, die ich als Rektor führen musste. Niemand hatte eine Vorstellung, was passieren wird.

 

HPL:  Aber alle hatten das Gefühl, dass etwas passieren muß.

JH:     Ja, unbedingt. Es kam zu absurden Situationen. Ich war als Rektor verpflichtet, einmal im halben Jahr mit jemandem von der Stasi zu sprechen, und nachdem ich mir den uns zugeteilten Beamten wegen Blödheit verbeten hatte, kam der Abteilungsleiter Kultur. Das war irgendein Oberstleutnant. Und der sagte zu mir: Herr Heisig, Sie und ich, wir wissen ja Bescheid. Hier kocht die Wurst im Kessel, und das begreifen die von der Partei nicht mehr.
Die sind verknöchert und sehen nicht mehr durch. - Das hab ich tatsächlich von der Staatssicherheit in Dresden zu hören bekommen. Aber vielleicht war es einfach nur eine Taktik, um an mich ran zu kommen. Ich weiß es nicht – nur, so absurd liefen die Dinge damals. 

 

HPL:  Man sollte  das trotzdem auseinander halten: die innere Situation und die äußere. Bleiben wir bei den inneren Verhältnissen. Die Politisierung, die überall im Lande aufbrach, habt Ihr beantwortet, indem Ihr neue Dozenten mit berufen habt. Wie war die Situation unter den Lehrern? Hattest Du Solidarität im Hause? 

JH:     Neuberufungen konnte man nur spärlich machen, das lag einfach daran, dass solch ein großer Dampfer wie eine Hochschule nur schwer zu bewegen ist. Dann kam dazu, dass von meiner Generation keiner sonderliche Lust hatte, an die Schule zu gehen. Nicht wenige meiner Künstlerkollegen waren inzwischen auf dem internationalen Kunstmarkt etabliert, verdienten ihr Geld und kamen mit ihrer Kunst ans Publikum.

 

HPL: Hast du solche Versuche unternommen? 

JH:   Ich habe mit Angela Hampel gesprochen, mit Walter Libuda, mit TRAK Wendisch. Wendisch war dann mal ein Jahr Assistent. Auch Werner Liebmann. Aber die meisten, die ich haben wollte, haben abgewunken. Warum sollten sie sich Ärger holen.

 

HPL: Aber unter den Dozenten, hat da nicht die Aufbruchstimmung unter Gorbatschow gewirkt? 

JH:   Das war sehr komplex. Es gibt dieses Heft zum Frühlingssalon 89, da sag ich was zur Situation an der Hochschule. Wir hatten einen Lehrkörper, der kurz vor der Rente war. Und es gab dieses Loch der Generation der 40- bis 50-Jährigen, die nicht zur Verfügung standen, die entweder in den Westen gegangen waren oder ins persönliche Exil. Es gab zwar Siegfried Klotz und noch ein, zwei andere, aber im Großen und Ganzen fehlte die Generation. Und dann gab’s die Jungen wie Hubertus und mich. Wir beide waren durch unsere Funktionen im Verband Bildender Künstler viel näher an den Dingen dran und versuchten natürlich, diese Impulse in die Schule hinein zu tragen. Trotzdem war das Aufbruchbewusstsein unter dem Lehrkörper nicht so ausgeprägt. Da war eher Ängstlichkeit. Kettner suchte den Ausgleich und neigte dazu, väterlich zu sagen: ruhig bleiben, abwarten. Aber es gab auch Leute wie zum Beispiel Claus Nicolai, die aktiv mitzogen. 

 

HPL: Das ist zunächst eine Klimabeschreibung. Aber die SED hatte die Künste scharf im Auge und es gab nicht nur Freunde für Eure Experimente, obwohl in Dresden mit Berghofer und Modrow in den 80er Jahren eher Liberalität herrschte.  Das war doch reichlich verworren? 

JH:   Dresden hatte ja auch eine traumatische Geschichte mit seiner – ich sag das jetzt verkürzt – stalinistischen Tradition. Das Bewusstsein, dass sich hier was ändern muss, kam von zwei Seiten: von den Studenten, aber auch von ganz oben. Modrow und vor allem Berghofer waren da die Figuren. Modrow hat viel abgeschirmt, trat aber persönlich nicht so in Erscheinung. Bis zum Schluss aber blockierte diese graue Mittelschicht in Lehrkörper und
Politik das Geschehen – die alten Hardliner der Kultur.

 

HPL:  Womit wir bei den ominösen Auseinandersetzungen wären, wo angeblich Honecker mit der Schließung der Hochschule gedroht hätte, und Du mit einem Brief geantwortet hast, der dann  in die Öffentlichkeit gelandet ist - fatal für Dich. Wie kam es zu dieser Zuspitzung?

JH:    Das kann man in zwei Worten nicht beschreiben. Ich könnte es anekdotisch erzählen:  Ich glaube im Januar war meine Investitur. Ich bin aus der Güntzstraße in voller Montur, mit Schlips und Kragen, rüber auf den Brühl gegangen, da klingelte schon das Telefon. Lea Rosh war dran und lud mich ein zu einer Talkshow in der ARD, zusammen mit Heiner Müller. So ging das zu. Ich musste erst mal durchatmen und bat, auf mich zu verzichten.
Dann kam der Frühlingssalon mit seinen erheblichen Auseinandersetzungen, die eigentlich sehr produktiv waren. Aber mit diesem tragischen Todesfall, der bei der Eröffnung passierte, bekam alles eine schärfere Note. Ich war mittendrin, in der Hochschule starb einer, draußen auf der Brühlschen Terrasse waren die Punks und skandierten, sie wollen rein und wir sollen nicht tricksen. Und bei mir im Büro saß die Stasi und sagte, wir machen Sie nicht dafür verantwortlich. Was natürlich implizit hieß, dass sie mich warnten und ich die Szene schleunigst zu disziplinieren hätte. Dann kam kurz danach das Pfingsttreffen der FDJ, mit der Weigerung meiner Studentenschaft, daran teilzunehmen, was gigantischen Effekt hatte in Berlin. Das war eigentlich der unmittelbare Anlass dafür – so wurde es mir jedenfalls berichtet -, dass Honecker dann gesagt hätte, man müsse die Schule schließen. Ich habe versucht, Ruhe rein zu kriegen. Und dann hab ich diesen Fehler gemacht. Ich hab dem damaligen Parteisekretär gesagt: Schreib in den Formulierungen, die Honecker hören will, dass wir hier eigentlich auf
einem guten Weg sind. Er das hat gemacht, ich hab unterschrieben und am nächsten Tag konnte man es auf der Titelseite des ND lesen. Ich

 

HPL: Du warst Mitglied der SED?

JH:   Ja, das war eine Conditio sine qua non um dieses Amt zu übernehmen. 1987 kam das Angebot, und ich dachte, ich könnte hier etwas gestalten, und hab mir gesagt, okay, dann trete ich halt in die Partei ein. Was ich allerdings nicht gemacht habe, war, in die Parteileitung der Hochschule zu gehen, was für viel Verstörung gesorgt hat bis hin zu Modrow. Das war einTipp meines Vaters: nur so kannst du verhindern, dass der Parteisekretär dir Dienstanweisungen geben kann.

 

HPL: Mit dem Honecker-Brief warst Du in den Augen der Opposition diskreditiert.

JH:    Ja, das war kurz vor dem Genickbruch.

 

HPL: Und dann kam der Herbst, die Wende…

JH:    Und ich war nicht da. Ich hatte mit TRAK Wendisch zusammen seit Jahren einen Antrag beim Künstlerverband laufen für eine Italienreise und wir kriegten Anfang September 89 die Reise genehmigt. Genau als alles losging - die Flüchtlinge in Ungarn und all das. Wir saßen zu viert mit unseren Frauen und beratschlagten, sollen wir jetzt fahren oder nicht. Und dann haben wir halt gesagt: Scheiß, wer weiß, ob wir jemals wieder nach Italien kommen, wir fahren jetzt. Dann kam dieser 4. Oktober, wir saßen in Italien und hörten auf Deutsche Welle, wo gerade die Flüchtlings-Züge durchgefahren sind. Da war uns klar, wir müssen zurück. Ich weiß noch, wie wir auf der Rückfahrt in Bologna die Bilder gesehen haben vom Dresdner Hauptbahnhof mit der Bereitschaftspolizei. Völlig surreal. Ich kam zurück in eine chaotische Situation. Die Studenten sagten natürlich: unser Rektor ist in Italien und wir halten hier den Kopf hin. Dann habe ich versucht, halbwegs Ruhe zu bewahren. Wir haben uns an Dinge angehängt, die z.B. das Theater machte und haben uns an der Demonstration auf dem Theaterplatz aktiv beteiligt. In der unmittelbaren Wendezeit lief an der Hochschule alles relativ anarchisch. Und dann fingen die ersten Runden Tische an.

 

HPL: Bevor wir darüber sprechen, interessiert mich noch mal das Konzept, das Du hattest für  die Hochschule. Du hast vorhin gesprochen von der Erweiterung des Kunstbegriffes als Wunsch der Studenten. Gehörte das z.B. zu Deiner Konzeption?

JH:    Ich bin fast zeitgleich Rektor geworden als Adrienne Goehler in Hamburg Präsidentin wurde. Wir haben uns in der Wendezeit oft darüber unterhalten. Wir hatten beide den gleichen Begriff im Kopf, aber völlig diametral verwendet: das war der Begriff der Insel. Sie ist in Hamburg angetreten und hat gesagt, das Inseldasein der Hochschule muss beendet werden, wir müssen hineinwirken in die Gesellschaft usw. Und ich hab genau das Umgekehrte gedacht. Es war mein inneres Konzept, die Hochschule muss in dieser Situation ihre Privilegien als Insel nutzen. Wir haben eine gewisse Narrenfreiheit als Künstler in diesem Land. Die Offiziellen sind verunsichert gegenüber den Künstlern, und weil sie daran interessiert sind, das Ansehen der DDR international aufzupolieren, sollten wir diesen Inselstatus nutzen und sowohl die klassischen Disziplinen stärken, die in internationalem Maßstab kaum noch ausgebildet werden, als auch die Erkundung neuer Kunstsprachen fördern. Das sollte sozusagen als Insel dialektisch in die Zukunft ragen. Und das können wir nur machen als Dialog der verschiedenen künstlerischen Sprachen. Es ging mir immer um die Potenz des Hauses. Das ist damals mein Traum gewesen, dass man einen Kern hat und beobachtet, wie verändert sich der, wenn man beispielsweise Video dazu holt und Performance wie die der „Autoperforationsartisten“. 

 

HPL: Die „Artisten“ hast Du an die Hochschule geholt?

JH:   Die hab ich nicht an die Hochschule geholt, die haben sich bei uns gebildet. Das waren Studenten im Bühnenbild bei Hornig: Via Lewandowski, Else Gabriel und später auch Reiner Görß. Es war mein Wunsch, das sozusagen öffentlich zu machen und produktiv. Also nicht, was ja für Dresden immer typisch war, dieses Lagerdenken zu zementieren.

 

HPL: Das klingt wie ein Konzept, das erst nach der Wende funktioniert hat.

JH:   Jein. Ich finde nicht, dass es jemals richtig funktioniert hat. Ich habe in meiner Rede zur Investitur auch anklingen lassen, was ich da im Kopf hatte. Und auf dem Kongress des Künstlerverbands 89 hab ich es auch deutlich gesagt. Es gab da schon viele Möglichkeiten. Aber die sind auch nach der Wende nicht genutzt worden. Zum Beispiel hatte ich die Idee aus der unsäglichen Abteilung architekturbezogene Kunst ein Institut für Urbanistik, für Städteforschung zu machen. Etwas Ähnliches hat es dann kurz im Frühsommer 1990 gegeben. Die Studenten waren grade alle in den Urlaub verschwunden, da kam Bernhard von Löffelholz zu mir und fragte, ob ich nicht ein paar Räume zur Verfügung stellen könne. Der namhafte Architekt Gerkan wolle mit Architekturstudenten in sieben Arbeitsgruppen zu Verkehrsprojekten für Dresden arbeiten. Die haben dann ein paar Wochen lang an der Hochschule gearbeitet und mit Mitteln der Kulturstiftung der Dresdner Bank sieben verschiedene Verkehrsprojekte für die Stadt entwickelt. Fabelhaft.

 

HPL: Das waren die utopischen Ideen der Übergangszeit…

JH:   Und so was hätte ich mir natürlich gewünscht an der Hochschule, dass um die Malerei und Grafikausbildung herum sich solche Satelliten angliedern. Das war auch der Impuls, weshalb ich als Rektor der Hochschule schon 1990 in Richtung Hellerau geguckt hab. Das lief wiederum über den Präsidenten der HdK Berlin Ulrich Roloff-Momin, der dann später Kultursenator in Berlin wurde. Der kam zu mir und sagte, er suche einen Ort, wo Absolventen aller Kunsthochschulen interdisziplinär arbeiten können. Wir haben an dieser Idee gestrickt und nach geeigneten Räumlichkeiten gesucht. Durch Arila Siegert und andere kamen wir auf Hellerau, und es entstand eine Gruppe, wunderbar multidisziplinär, die loslegte. Ich glaube bis heute nicht, dass solche Konzepte lebensunfähige visionäre Spinnereien sein müssen.

 

HPL: Trotz dieser liberalen Ansätze - in den 80er Jahren sind viele Dresdner Künstler - Leiberg, Kerbach, Schlegel - in den Westen gegangen, weil sie es im Osten nicht mehr ausgehalten haben. Wie hast Du das empfunden?

JH:   Dramatisch. Freilich war ich immer ein Sonderfall durch mein Herkommen; ich war halt ein Heisig. Und wenn man aus Leipzig nach Dresden kommt, ist man sowieso leicht stigmatisiert. Das heißt, ich war nie Bestandteil einer Dresdner Clique. Aber ich hab es auch aus dieser Distanz als schmerzhaft empfunden, dass die Leute verschwanden.

 

HPL: Distanz ist ja nichts Negatives. Distanz, die durch eine privilegierte Situation entsteht, kann man auch intellektuell ummünzen, z.B. in kluge Konzeptionen, so wie Du sie grade beschrieben hast. Hattest Du auch eine Distanz zu Deiner Herkunft? 

JH:   Das setzte schon relativ früh ein, also eine Art von eigensinnigem Bewusstsein und Ich-Gefühl. Den analytischen Blick auf mich selbst musste ich schon als Kind entwickeln. Da liegt auch eine Überlebensstrategie drin. Ich war immer in einer Sonderstellung - gegenüber dem übermächtigen Vater ganz bestimmt, aber auch gegenüber meinen Schulkameraden. Da spielten ganz simple Sachen eine Rolle. Ich war rothaarig, ich war so’n Schlacks, ich war ein Bewegungsidiot – alle Dinge, die einen Jungen isolieren können. Und dann eben Sohn eines berühmten Vaters aus einem Künstlerhaushalt. Also ich hatte immer Schwierigkeiten, mich zu integrieren. Das war das Grundgefühl, das ich auch in Dresdner Künstlerkreisen wieder gefunden habe. 

 

HPL: Noch einmal zurück zur Wendezeit. Es gab damals massenhaft Verlautbarungen und offene Briefe. Wie hat sich die Hochschule positioniert?

JH:    Die Hochschule hat sich auf solche Weise kaum positioniert. Das lag eben auch ein bisschen daran, dass der Großteil des Lehrkörpers auf Tauchstation gegangen ist. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass muss ich heute sagen, die Hochschule als Institution in der Wende einzusetzen, mich interessierte die Zukunft. Ich hab ja schon erzählt, dass ich seit meiner Amtseinführung in Dialog mit dem Präsidenten der Hochschule der Künste in West-Berlin kam. Ulrich Roloff-Momin hat Anfang 1990 zu mir gesagt: bei Euch ändert sich jetzt alles. Das Hochschulrahmengesetz der Bundesrepublik ist veraltet und man muss was Neues machen. Lass uns zusammensetzen und einen Entwurf versuchen, wie ein solches Hochschulgesetz aussehen könnte und die Struktur einer modernen Hochschule. Wir entwickelten also eine provisorische Hochschulverfassung. Ich wollte - und mußte das paradoxerweise fast gewaltsam durchsetzen - dass der Rektor in Abstimmungen nur moderierend auftritt, kein Stimmrecht hat, die einzelnen Fachbereichsleiter maßgebend sind und zwei Vertreter der Studentenschaft. Das war eine total spannende Zeit, muss ich sagen.

 

HPL: Dann kam die deutsche Wiedervereinigung und die Gründung des Freistaates Sachsen. Du hattest es als Rektor mit dem neuen Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer zu tun. Wie war dieser Neuanfang?

JH:   Der Dialog mit Meyer fing schon im Sommer 90 an, noch zu DDR-Zeiten. Ich hatte deutlich den Eindruck, dass er mit unseren Gedanken zur Neuausrichtung der Hochschule sympathisierte, aber mir mitteilen musste, dass daraus nichts wird. Dass demnächst Beamte aus Bayern und Baden-Württemberg kämen und das Hochschulrahmengesetz machen würden für Sachsen. Wir hatten da einmal ein Gespräch, wo ich zu spüren glaubte, dass er – wie soll ich sagen – innerlich zerrissen war;  sich gerne an die Spitze einer selbstbestimmten Veränderung gesetzt hätte, aber politischen Konstellation folgen musste. 

 

HPL: Du hat dann am Jahresende 1990 das Rektorat freiwillig aufgegeben. Einerseits warst  Du in der Optik der Bürgerbewegung Repräsentant einer DDR-Elite und hast Angriffspunkte geboten, andererseits aber wärest Du durch Deine Konzepte auch ein guter Mann des Übergangs gewesen, der die vielen Widersprüche hätte produktiv machen können. Hans Joachim Meyer empfand Deinen Rücktritt jedenfalls als unnötig. Was waren Deine Gründe?

JH:   Na ja, es waren nicht nur die atmosphärisch Spannungen, sondern der Widerstand gegen meine Person institutionalisierte sich regelrecht. Man muss vielleicht noch dazwischen schalten, in dieses Jahr 1990 fiel auch die Gründung einer Europäischen Liga der Kunsthochschulen in Amsterdam, die ich sehr mit angekurbelt habe. Ich hatte damals wirklich ein paar Rosinen im Kopf, die mit der Situation in Dresden wenig zu tun hatten, sondern die Ost-West-Achse meinten, Beziehungen nach Leningrad, Petersburg und Warschau, aber auch Nord-Süd bis nach Italien runter, denn das waren Dresdens alte Beziehungen. Und am 3. Oktober 1990 war ich auch nicht da, sondern gerade in Amsterdam. Das alles löste an der Hochschule viel Befremden aus. Die Leute waren verängstigt, weil die Evaluierung losging, und jeder musste irgendwelche Fragebögen ausfüllen. Und der Rektor turnt auf der europäischen Ebenen rum - das hat vielen überhaupt nicht gefallen. Und ich hab’s auch unterschätzt, muss ich sagen. Dann kam dazu, dass sich in Dresden die wirtschaftlichen Kräfte neu etablierten, die Dresdner Bank kam zurück etc., und ich merkte bei Empfängen, wie immer so ein Vakuum um mich herum war. Die Leute waren offensichtlich über mich informiert worden - ich ein Vertreter, wie Du vorhin sagtest, des alten Systems usw. Aber die Hochschule brauchte natürlich diese Kontakte. Sie brauchte Geld, das Haus war eine Ruine. Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass ich eher im Wege stehe für eine Einbindung der Hochschule in dieses neue Kräftefeld. Dann hab ich durch eine Indiskretion erfahren, dass es einen Gesprächskreis gab in der Stadt mit Künstlern aus ganz Sachsen, aber auch mit dem damaligen Kulturdezernenten und einigen Lehrkräften der Hochschule. Es ging - hinter meinem Rücken - um die die Zukunft der Hochschule. Es gab eine Art geheimer Resolution, die hab ich zu Gesicht gekriegt durch jemanden, dem das unheimlich war. Das war dann der unmittelbare Anlass für meinen Rücktritt. Ich hab aber nicht nur einsam entschieden, sondern z.B. oft mit Arno Rink in Leipzig telefoniert, der das zunächst völlig anders sah: Du musst durchhalten. Nur war die Leipziger Perspektive

 

HPL: Obwohl es sich lohnen würde, das Thema neues Hochschulkonzept weiter zu diskutieren, machen auch wir an dieser Stelle einen Punkt. Ich danke Dir sehr für das Gespräch.

 

Das Gespräch mit Prof. Johannes Heisig wurde im August 2014 in seinem Berliner Atelier geführt.