...Was Sie zum Kunstbetrieb und seinen Galeristen schreiben, ist freilich richtig. Aber eben auch nicht die ganze Wahrheit – wer verfügte auch über die? Hinzu denken müßte man noch einen prinzipiellen Unterschied zwischen Leuten wie Kahnweiler oder Cassirer und dem Gros der heutigen Galeristen (...) : Jene hatten eine Haltung, in der sich - oft natürlich von den individuellen Vorlieben gefärbt und gelegentlich verfärbt - eine kulturell hoch ausgeformte Liebe zur Kunst abbildete.

Heute sehe ich kaum noch andere Motive als die des wirtschaftlichen Überlebens. Die Ursachen liegen nicht etwa in der persönlichen Niedertracht der Betroffenen. Ganz allgemein scheinen Qualitäten, die einer differenzierten kulturellen Bildung entspringen, an Prestige verloren zu haben. Ich erlebe sehr viel Unsicherheit im Umgang mit Kunst (und auch ich bin freilich unsicher),

die zuallererst und sehr schlicht zurückgeht auf mangelndes Wissen derjenigen, die mit Kunst umgehen. Man verortet sich in einer Gegenwart, die ihre Einbindung in eine historische Perspektive vielleicht noch nicht verleugnet, aber mehr und mehr ignoriert. So wird dann mangelnde Souveränität im Urteil ersetzt und kaschiert von einer “Smartness”, die sich darum bemüht, jeweils “in” zu sein. Was fehlt, ist der längere Atem, wie er nur aus einer persönlichen Überzeugung entstehen kann, die ihrerseits ein Denken in die kulturhistorische Tiefe, also die Konvention, voraussetzt. Konvention ist in der Moderne zum verdächtigten Begriff geworden, in der Postmoderne beginnt sich aber die Erkenntnis zu formulieren, daß die permanente Revolution in die Sackgasse der Abhängigkeiten führt. Und meiner Empfindung nach leben wir heute inmitten dieser Abhängigkeiten. Modern Talking.

Wir müssen, denke ich, uns immer wieder finden am Maßstab unserer Geschichte, also: am Maß. Mir fehlen auf der Seite der Mittler (und neben den Händlern beziehe ich polemisch mal einen großen Teil der Kuratoren und Ausstellungsmacher mit ein) Personen mit diesem Blickwinkel. Das Hecheln nach immer “jüngerer” Kunst ist ein Beleg dafür. Was ist das eigentlich für ein Kriterium? Es galt einmal als selbstverständlich, daß es Jahrzehnte brauche zur Reife eines Talents. Ich suche nach Räumen, die meinem Talent (von dem ich immerhin hoffe, daß es existiere) die Reife erlauben. Diese Voraussetzung ist für mich existenziell, und Sie mögen aus dieser Überlegung heraus meine Dankbarkeit verstehen für Begegnungen, die mir solche Perspektiven eröffnen...