Johannes Heisig: Laudatio auf Günter Bersch am 1. März 2003 anläßlich der Abschlußausstellung der Arbeit Berschs als erster Eisenacher Stadtgast 2002 im Thüringer Museum Eisenach

Vor einem Jahr war es die Aufgabe, das Berschsche Werk einem Eisenacher Publikum vorzustellen, und mein Part darin erlaubte mir, von diesem Podium herab generalistisch-allgemeine Erwägungen zu Berschscher Kunst und Weise abzusondern. Mit seiner unbarmherzigen Aufforderung, auch zu dieser Ausstellung einführende Worte beizusteuern, stürzt mich Günter Bersch in nicht geringe Verlegenheit. Daß ich zugesagt habe, war leichtsinnig, aber hatte auch Gründe. Einer ist, daß er nicht völlig zufrieden war mit mir beim ersten Mal und ich daher versuchen muß, die zweite Chance, die er mir hier einräumt, zu nutzen. Natürlich aber fühle ich mich in allererster Linie verpflichtet einer langjährigen Freundschaft, einem Austausch auf vielen Ebenen, einer künstlerischen Komplizenschaft, für die ich dankbar bin und die mir stets Anregung, manchmal Bestätigung, gelegentlich Herausforderung und immer Motivation ist. Ich will versuchen, mich dem Dialog mit Günter Berschs Kunst noch einmal in Worten zu nähern, heute auf andre Wiese, nämlich enger an den Arbeiten, die uns hier umgeben.

Daß sie allesamt in diesem Ort Eisenach entstanden sind, ist keine so banale Feststellung, wie es zunächst scheinen mag. Im Vergleichen der beiden Bersch-Ausstellungen kommen wir vielmehr schon an einen ersten erwägenswerten Punkt. War die eine ganz Künstlerporträt und operierte mit einer sorgsamen Auswahl unterschiedlichster Schauplätze und Schicksale, so folgt diese einer vorgegebenen Thematik. Der Künstler ist also erst einmal limitiert, er unterwirft sich einem Rahmen. In neuer Weise ist seine Phantasie gefordert, und wir betreten die Ausstellung mit der Frage: Ist es Günter Bersch gelungen, sein Thema innerhalb dieses Rahmens wiederzufinden? Ist es ihm gelungen, sich den Stoff zueigen zu machen und ihn seinem persönlichen Thema zu unterwerfen? Ist es vielleicht sogar so, daß die Konfrontation mit einer Vorgabe in besonderer Weise seine Phantasie herausforderte und kreative Energieen freisetzte?

Mir fiel beim ersten Betrachten der Eisenacher Arbeiten Berschs auf, dass die Stadt als geografisch konkrete Dimension eher im Hintergrund bleibt. Möglicherweise wird man Sätze hören wie: "Nein, das ist nicht unser Eisenach." Dies oft gehörte Diktum gibt es nur als Negativvariante und immer zusammen mit Besitzpronomen. Früher sagte der Kulturfunktionär: "Nein, so sind unsere Menschen nicht". Nicht etwa: "Nein, so sind wir Menschen nicht". Und ganz undenkbar wäre gewesen: "Ja, so sind wir Menschen!" Der Funktionär hatte Angst, seine Werteskala beiseite zu lassen, denn die ist ein zuverlässiger Schutzschirm vor allem, was außer der Vorstellungskraft eines solchen ängstlichen Menschen existiert.

Und damit sind wir bei einer der schönsten und aufregendsten Wirkungen guter Kunst: Sie rechtfertigt eine unverschämt subjektive Sicht. Wie macht sie das? Sie sieht, würde man heute sagen, geil aus und verführt, denn sie ist -wohlgemerkt, ich spreche von guter Kunst- gemacht von Könnern, die einem mit ihren Tricks Lust und Spaß bereiten können, sodaß wir ihnen willig folgen, wenn sie der Wirklichkeit völlig ungewohnte Bedeutungshierarchien unterlegen. Dann hat das Frauenprofil eben zwei Augen auf einer Seite des Kopfes (Picasso) oder der Himmel besteht aus gelben Würmern (van Gogh) oder der Bauch des Mannes ist ein einziges Loch (Henry Moore). Na ja: "Das ist nicht unser Eisenach". Darüber denkt der Günter gar nicht erst nach. Er arbeitet. Er macht gute Kunst. Den Rest überläßt er uns in der festen Überzeugung, dass seine Tricks brillant genug sind, uns zu verführen. Raffiniert schreibt er gleich in den Katalog zur Ausstellung etwas von "visuellen Bemerkungen" und dass das, was er täte, sehr subjektiv sei. Na Gott sei Dank, sollten wir dazu sagen, und nicht "unser Eisenach".

Es gibt da unter Umständen eine Art intellektueller Spiegelung des "Unser-Eisenach-Satzes". Sie wird sich vielleicht in den Feuilletons als Überschrift dieser oder jener Ausstellungsrezension finden: Ñ"Eisenach ist überall". Da kann man nun nichts gegen sagen. Kaum etwas verpflichtet die Situationen, die Günter Bersch fotografierte, an diesen einen Ort. Menschen werden in Momenten festgehalten, in denen sich Leben vollzieht: Die Schwangere, die Braut, der Pensionär, der Kleingärtner, die Tänzerin, der Bestatter. Insofern ist wohl eine Feststellung ganz einfach: Der Eisenacher erweist sich in diesen Fotos als gewöhnlicher Zeitgenosse des Karlsruhers, Dresdners, Schweinfurters. Aber dann. Der zweite Blick, den Günter so mag, er hat es in sich und läßt uns eben doch über diese besondere Stadt nachdenken. Es enthüllt sich nämlich das Drama einer traditionsreichen Provinz, das ein höchst modernes ist. Denn diese Fotos zeigen, wie sich einer Welt der tiefwurzelnden sozialen Kontakte und der kollektiven Erinnerung, wie sie noch spürbar ist in Eisenach, heute die Welt der medialen Normierung überlagert. Diese Fotos konfrontieren die unmittelbare konkrete Wirklichkeit einer geschichtsträchtigen Kleinstadt mit der allgegenwärtigen Fiktion einer Gesellschaftsvorstellung, die genau gegen die intuitiven Erfahrungen des Einzelnen arbeitet. Der Eisenacher, die Eisenacherin, wie wir sie auf diesen Fotos sehen, sind Gespaltene: Noch verwurzelt in dieser Stadt und bereits herausgelöst und entlassen in die vor sich hinwuchernde, unverbindliche Welt des globalen Dorfes. Ein skeptisch wirkender Bundeskanzler betrachtet aus dem Fernseher heraus den Bauch der hochschwangeren jungen Frau. Es ist eine frappierend einfache Umkehrung des Gewohnten, und schon hat uns Günter Bersch auf seine Fährte gelockt. Von nun an wird man auf diesen Bildern jede Ladenaufschrift, jedes Spruchband auf einen seltsamen Kontext hin untersuchen. Immer gibt es diese Verdrehung der gewohnten Kausalitäten. Wir sehen einen vereinsamten, beinahe desorientierten Arbeiter zwischen der surrealen Welt eines automatisierten Montageablaufs, in den irgendwie gestaltend einzugreifen diesem Arbeiter offenbar völlig sinnlos erscheint. Wir sehen die absurde Figur eines Pappsheriffs inmitten biederer Eisenacher Hausfrauen. Zwischen den eingemotteten Exponaten automobiler Historie sitzt der Auto-Freak mit kampfbereiter Miene am Steuer des silbernen Rennwagens. Die Attitüde größtmöglicher Kraft und Schnelligkeit inmitten des totesten Stillstandes enthüllt eine fast tragisch anmutende Absurdität, die nichts weniger als typisch für unser Lebensmodell ist. Fast immer hat man beim Betrachten das Gefühl, irgendetwas gehe hier mächtig ab, von dem die Leute entweder nichts wissen oder das sie etwas hilflos in den Griff zu kriegen versuchen. Irgendwie stolpernd scheinen sie ihr Leben mehr zu passieren als zu gestalten, und dennoch ist ihnen ein Kampf um die Würde ihrer unverwechselbaren Existenz anzusehen. Sie sind Eisenacher, aber diese Anstrengung macht sie völlig universell.

Der Automobil-Guru im Museum hat aber auch noch eine andere Seite. Denn wie um sich ihrer selbst zu versichern, landen die Berschschen Figuren zwischendurch in den Kulissen der Erinnerung. Die Autosammlung ist eine solche Kulisse. Sie blendet den Stolz des Eisenacher Handwerks ein aus den Zeiten, wo sie hier mit eigenen Händen etwas Unverwechselbares, Einmaliges, herstellten. Dem Arbeiter im Roboterdschungel des Autowerks ist dieses Gefühl sichtbar abhanden gekommen. Eine andere, ungemütlichere Kulisse der Erinnerung, aufgerichtet gegen die beängstigende Fragilität und Entfremdung des modernen Existierens, ist die Burschenschaftsseligkeit, die in Eisenach ihr wuchtiges Denkmal errichtet hat. Und die gewichtigste von allen diesen Kulissen des Zeitlichen ist der Friedhof, auf dem sich alle Kreise schlieflen, besonders schockierend in jenem Foto inszeniert, das die Schwangere bei der Grabpflege zeigt. Es erscheint uns auf diesen Fotos beinahe so, als kämen die Menschen an solche Plätze, um wie Antäus neue Kraft aus dem Berühren der Erde zu ziehen und ihr Ich wiederzufinden.

Günter Bersch ist mit seinen Eisenacher Lichtbildern (ich liebe diesen Begriff "Lichtbild", weil er die Sache am sinnlichsten beschreibt) nach meinen Begriffen eine Metapher gelungen, deren Tiefgang ihm selbst vielleicht erst in dieser Zusammenschau ganz bewußt wird. Er hat das Porträt dieser Stadt entworfen als dialogischen Spagat zwischen dem Ort und der Welt. Nirgendwo wird das mehr auf die Spitze getrieben als in jenen Fotografien des vorjährigen Bundestagswahlkampfs. Hier fängt er Szenen ein, die beinahe so etwas wie eine Rache des Eingeborenen zeigen. Die Spitzenkandidaten irren mit jovial aufgekrempelten Ärmeln durch ein dermaßen greifbares Schweigen und Desinteresse, dass sich beim Betrachter ein Art höhnisches Mitleid einstellt. Diese Bilder von sonnenüberfluteten leeren Plätzen vor den Tribünen der jeweiligen Kampagnen sagen unerhört viel über die berüchtigte "Politikverdrossenheit", und, das ist im Sinne des Themas ganz wichtig, man könnte sie vermutlich nicht in Berlin fotografieren, wo immer irgend ein paar hundert Leute die Wucht des Eindrucks verschleiern würden. Jetzt, beim Betrachten der Bilder, versteht man plötzlich, warum der innere Zustand einer Gesellschaft, ihre Verfassung eben, sich in Städten wie Eisenach viel plastischer ausprägt als in Berlin, Hamburg oder München. Und warum die Fragen nach der Qualität ihrer Zukunft viel eher hier als dort entschieden werden. Denn hier, in den Städten der deutschen Provinz, wenn überhaupt noch irgendwo, existieren Reste jener Generationsfolgen, die einer Polis Verbindlichkeit über den Tag hinaus geben, und nur das ist es, was den Begriff "Heimat" rechtfertigt.

Das will ich nun mal als These so stehen lassen, denn ich muß ja den Rest der mir zustehenden Zeit noch einmal dem Versuche widmen, Günters Verstimmung über meinen letztjährigen Beitrag zu lindern. Ich behauptete damals sinngemäß, Günter Bersch sei nicht der Fotograf des flüchtigen, des zufälligen Moments. Er inszeniere das zeichenhafte Sinnbild. Das hat ihn gewurmt. Nun, es gibt gerade Bilder in der Wahlkampffolge, die mich zu wiederlegen scheinen. Und doch kann ich ihm den Gefallen nicht tun, eine generelle Abbitte zu leisten. Ein Bespiel: Im wohl irrwitzigsten und atemberaubendsten Bild dieser Folge sieht man vor dem Stand der Republikaner einen offenbar farbigen Menschen, vielleicht Inder oder Pakistani. Allem Anschein nach, man kann es kaum glauben, muß es aber wohl oder übel angesichts seines T-Shirts, macht er für diese Ausländerhasser den Wahlhelfer. Im Hintergrund liest man passend: "Rückführung statt Zuwanderung". Um das Maß voll zu machen, trägt dieser Mann ein Plakat mit dem der Rosa Luxemburg zugeschriebenen Satz von der Freiheit, die immer die der Andersdenkenden sei.  Das sind gleich drei Fliegen, mindestens, mit einer Klappe, und was für dicke Brummer. Bersch selbst schreibt listig im Katalog dazu: "Trotz aller Konzeptionen, das wahre Leben bietet immer noch die interessantesten Bilder." Na, lieber Günter, da könnten wir jetzt einen spannenden Abend der Frage widmen, was das "wahre Leben" sei, und ob es notwendig sich auflerhalb Deiner Konzeptionen aufhalte. Doch zweifellos, und ich habe Günter Bersch ja oft genug bei der Arbeit erlebt, nimmt er solche unglaublichen Momente blitzschnell wahr und bearbeitet sie fast im selben Augenblick. Und dennoch glaube ich, daß damit nur (was heißt hier: "nur"!) der Teil jahrelangen Trainings der Reflexe gemeint ist, der Voraussetzung ist für das, was dann kommt: das Umsetzen des Angebots in die Logik eines durchgeformten Bildes. Das kann schnell oder langsam gehen, mit kaum merkbarem oder eher größerem inszenatorischen Aufwand. Was ich aber meinte damals, und ich beharre auch heute darauf und auf die Gefahr hin, Sympathien bei ihm einzubüßen, ist, daß er keiner jener Reportagefotografen sei, die dreihundertmal auslösen, um beim Entwickeln auf den Zufall des einen Ergebnisses zu hoffen. Er bringt die Dinge zum Zusammenspiel nach seinem Dirigat, und es ist letztlich nicht von Belang, ob er dazu die Modelle tatsächlich hin- und herbefiehlt oder ob sein inneres Auge spontan Beziehungen wahrnimmt, die er über seinen Blick transportiert und wandelt in den Winkel zum Objekt, den die Linse seiner Leica einnehmen wird. Wir sind wieder bei der subjektiven Logik des gestaltenden Künstlers, also dort, wo wir den Grund dafür finden, an einem schönen Sonnabend wie diesem in eine solche Ausstellung zu gehen. Günter Bersch hat dafür gesorgt, dass wir kaum vernünftige Alternativen hatten heute.